Höhen und Tiefen einer bewegten Vergangenheit

110 sportliche Jahre beim ATV Höchstädt

Der ATV Höchstädt feiert 2020 sein 110-jähriges Gründungsjubiläum. Am 28. August 1910 wurde im Gasthof Einhorn der „Turnverein Höchstädt – Mitglied des Arbeiterturnerbundes“ aus der Taufe gehoben. Wenig später erfolgte die Umfirmierung in Arbeiterturnverein oder kurz ATV. „Das war ein politischer Turnverein“, schildert Martin Schikora, der 2010 gemeinsam mit Dieter Hering, Gerhard Pöhlmann und Reinhold Wolf ein 340-seitiges Buch über die Vereinsgeschichte geschrieben hat. Die Sozialdemokraten wurden noch aus Bismarcks Zeiten als „vaterlandslose Gesellen“ verachtet. Zwar waren die Sozialistengesetze 1910 schon außer Kraft gesetzt. Um sich aber politisch zu organisieren, schlüpfte man unter den Deckmantel der Arbeitersportvereine, der Arbeitergesangvereine oder von Radsportvereinen mit „Solidarität“ im Namen.

Mit dem ersten Weltkrieg kam das Vereinsleben zum Erliegen. Doch schon wenige Tage nach Kriegsende 1918 wurde der Turn- und Gesellschaftsbetrieb erneut aufgenommen. Offiziell seit 1911, tatsächlich wohl schon viel früher, gab es in Höchstädt mit dem Deutschen Turnverein, heute Turngemeinschaft, einen weiteren Sportverein im Dorf. „Hier waren die eher Konservativen organisiert“, schildert Schikora.

Mitte der zwanziger Jahre wollte der ATV sein eigenes Turnerheim bauen und bekam ein steiniges Gelände im Höchstädter Norden angeboten. „Aus heutiger Sicht mutet das so an, als habe man den lästigen Arbeiterverein aus dem Dorf draußen haben wollen.“ Auf dem steinigen Schlosshügel machten sich die Aktiven dennoch daran, einen Turnplatz und ein Vereinsheim zu bauen. 1929 wurde eingeweiht, schon vorher wurde Bier der Wunsiedler Hönicka-Brauerei ausgeschenkt. Der Gerstensaft sollte in der weiteren Vereinsgeschichte stets eine wichtige Rolle spielen.

Ersten zaghaften Fußballüberlegungen wurde seinerzeit übrigens eine barsche Absage erteilt. Die Kameraden sollen sich lieber reger am Turnbetrieb beteiligen, heißt es dazu in den Protokollbüchern. Vereinsheimpächter wurden noch gewählt. Da entsprechender Wohnraum zur Verfügung stand, der damals knapp war, war die Nachfrage im Gegensatz zu heute hoch. Mit Hitlers Machtübernahme wurden dann alle Arbeitervereine verboten. So auch der ATV Höchstädt.

Hönicka sah keine weiteren Umsatzmöglichkeiten und ließ sich das Vereinsgelände, auf dem eine Hypothek lastete, übereignen. Der Schlosshügel wurde zunächst ein Heim der Hitlerjugend, ehe er 1937 von Rosenthal gekauft wurde. Der Selber Porzellanhersteller brachte polnische Fremdarbeiter unter, die im ehemaligen Turnerheim wohnten. Einer davon, Wieslaw Jankowski, beschreibt in Thomas Muggenthalers Buch „Wir hatten keine Jugend“ das Felsenrund des Schlosshügels und das Leben in Höchstädt. Sonst ist wenig bekannt aus der Zeit zwischen 1933 und 1945. Die Vereinsfahne wurde geviertelt und versteckt. Sie tauchte nie wieder auf. Lediglich einige Protokollbücher überlebten dieses dunkelste Kapitel der Vereinsgeschichte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schalteten die Siegermächte die Vereine zunächst alle gleich. In jedem Ort entstand ein Zentralverein. Der ZV Höchstädt wurde in Thierstein gegründet, wie auch der Zentralverein Thierstein. In Thierstein behielt der Verein seinen Namen. Die Führung jener Einheitsvereine rekrutierten die Militärregierungen zumeist aus früheren Sozialdemokraten, denen man in Zeiten der Entnazifizierung am ehesten zutraute, der Demokratisierung nicht im Wege zu stehen. Im kleinen Höchstädt bedeutete dies, dass frühere ATV-Vorstände von einem Tag auf den anderen die Vereinsgeschicke und Kassen aller Vereine führten, so auch beispielsweise vom Gesangverein oder der Turngemeinschaft. Erst über die nächsten Jahre kristallisierten sich wieder die einzelnen Vereine heraus und wurden nach und nach genehmigt.

In Thierstein blieb der Zentralverein der Zentralverein, obwohl auch er vor dem Krieg ein Arbeiterturnverein war. „Das hat damit zu tun, dass deren enteignetes Vereinsheim ein gemeindlicher Kindergarten wurde und im Staatsbesitz blieb“, erzählt Martin Schikora. Insofern war die Rückabwicklung der Zwangsenteignung und der Schadenersatz an den Verein einfacher.  In Höchstädt dagegen musste nach zwei Eigentumsübergängen prozessiert werden, um den Schlosshügel wieder in Vereinsbesitz zu bringen. Rechtsanwälte empfohlen 1948 die Rückbenennung auf ATV Höchstädt, um bessere Aussichten für einen Rückerhalt des Vereinseigentums zu bekommen. Rosenthal pochte auf eine Zahlung von 60000 Reichsmark, die der Arbeiterturnverein letztlich leistete. Man kaufte das Vereinsgelände ein zweites Mal. Geholfen hatte ein Rechtsanwalt der Bürger-Bräu Hof, die dann auch finanziell mit einsprang, damit der Verein das Geld überhaupt aufbringen konnte.

Beeinflusst durch zahlreiche Flüchtlinge im Ort wurde plötzlich auch das noch vor dem Krieg versagte Thema Fußball aktuell. Gespielt wurde im Höchstädter Oberdorf auf einer Wiese. Diese beanspruchte ab 1953 der neu gegründete Fußballclub Höchstädt für sich. Die jungen ATV-Fußballer hatten plötzlich kein Spielfeld mehr. Der Zentralverein Thierstein sprang ein und gestatte die Austragung der Fußballspiele am Kühbühl. Mitte der Fünfziger hauten die ATV-Aktiven dann sprichwörtlich einen Fußballplatz in die Steinwüste am Schlosshügel.

Euphorisiert von der eigenen Tatkraft wurden nach der Einweihung des ersten Sportplatzes 1957 immer größere Pläne geschmiedet. Der Gipfel war Mitte der sechziger Jahre der Plan für ein viergeschossiges Bauwerk, der noch heute vorliegt. Auf Höhe des heutigen Trainingsplatzes wäre man dem Plan zufolge in die Umkleiden gegangen. Ein Geschoß darüber, etwa auf Höhe des heutigen Natursteinbierkellers, war eine moderne Sporthalle geplant, darüber das Vereinsheim. Und noch ein Stockwerk höher hätten über zehn Gästezimmer entstehen sollen. Auch die Pläne beim neuerlichen Sportplatzbau Anfang der Siebziger waren umfangreich. Zusätzlich zum Rasenspielfeld planten die ATV-ler eine Leichtathletikanlage und eine Turnhalle.

Diese wiederum hatte auch die Gemeinde auf dem Plan. Letztlich entsponn sich über die nächsten Jahre ein harsch geführter Disput. Letztlich entstanden zwei Hallen – die Mehrzweckhalle im Dorf und eine Einfachturnhalle auf dem Schlosshügel. Der Fußballplatz am Schlosshügel wurde dennoch gebaut und zur Jahrtausendwende wurde der Sportpark sogar um einen weiteren Rasenplatz erweitert. Die Leichtathletik-Anlage entstand nahe der Schule.  Erst mit der 700-Jahr-Feier im Jahr 1999, an der sich das ganze Dorf beteiligte, verschwanden alle vorherigen Ressentiments. „Da haben die Leute gemerkt, was alles machbar ist, wenn das ganze Dorf zusammenhält“, schildert Schikora.

2005 beschlossen die Mitglieder schließlich, das 1926 gebaute Vereinsheim bis auf die Grundmauern abzureißen. In über 6000 Stunden Arbeitsleitung bauten 105 Mitglieder in rekordverdächtigen fünf Monaten das heutige Haus der Vereine. 2007 erhielt der Schlosshügel dann  eine separate Zufahrt, die später zu Ehren des Altbürgermeisters in Rudolf-Reichel-Straße umbenannt wurde. Die letzte Ausbaustufe erfuhr der Schlosshügel vor wenigen Monaten. Eine moderne Erdgastherme und neue Kabinen bauten sich die Aktiven wie früher größtenteils in Eigenleistung.

Aus politischen Diskussionen hält man sich im Arbeiterturnverein von 2020 heraus. Heute gibt es viele Farben im Verein. Dass der Veranstaltungskalender, die Dachziegel oder sogar die Sitzpolster in Rot gehalten sind, ist sicher kein Zufall. „Der Schlosshügel war solange ich denken kann der ‚rote Hübel‘. Dem wollen wir einfach Rechnung tragen“, sagt Martin Schikora mit einem Augenzwinkern.

Text / Foto: Martin Schikora, Höchstädt

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