Ich war der letzte Köhler in Höchstädt

Eine Erinnerung aus der Zeit des letzten Krieges - von Hans Kaiser, Höchstädt

Zu den vielen Mangelwaren im Zweiten Weltkrieg gehörte auch der Treibstoff für die Kraftfahrzeuge, vor allem das Benzin. Auf Benzinmarken gab es nur kleine Mengen. So blieb nichts anderes übrig, als die Lastkraftwagen auf sog. Holzgas umzustellen. Man fuhr dabei also mit Holzfeuerung. Die Zugkraft war aber wesentlich geringer als mit herkömmlichen Treibstoffen. Zur Anfeuerung des Holzes brauchte man Holzkohlen, die auch wieder schwer erhältlich waren.

Auch der Thiersteiner Holzwollefabrikant Wilhelm Kaiser baute seine Lastkraftwagen auf Holzgas um. In seiner Fabrik beschäftigte er damals sieben kriegsgefangene Franzosen, von denen einer zufällig von Beruf Köhler war. Durch diesen Mann ließ Kaiser auf seiner Wiese neben dem Granitwerk Graf & Döbereiner am Bahnhof Höchstädt-Thierstein einen ersten Meiler errichten. Da ich um diese Zeit gerade auch in der Holzwollefabrik arbeitete, half ich dem Franzosen bei seiner Arbeit. Es waren zuerst nur Handlangerdienste, die ich verrichten konnte, denn von dem Köhlergewerbe, das früher in unseren Wäldern ausgedehnt betrieben wurde, hatte ich keine praktische Vorstellung. Ich konnte außerdem kein Wort Französisch und der Franzmann sprach kein Wort Deutsch, so dass wir uns nur durch Zeichen verständigen konnten. Wie ging es dabei zu?

Zuerst wurde über einer runden Fläche der Rasen abgegraben. Ein Meiler mit 1,50 m Höhe und einem Halbmesser von 3,50 m enthielt rund 20 Ster Holz. Bei einem größeren Quantum Holz mußte der Radius entsprechend weiter sein. Im Mittelpunkt wurde der „Quendel“ aufgeschichtet. Er mußte die volle Höhe des Meiers haben. Er bestand aus Kienholz und anderen ca. 40 cm langen Holzstücken, die im Dreieck so aufeinander gelegt wurden, daß es einen Schacht (Schlot) bildete. 50 cm um den Quendel war kein „Parkett“ zu legen, d.h. keine Holzscheite als Unterlage. Schräg um den Quendel herum wurde das einen Meter lange Prügel- und Scheitholz aufgestellt und darauf das 50 cm lange Holz, so daß es einen runden Holzstoß bildete, der mit Rasen leicht zugedeckt wurde. Der Meiler war fertig. Eine kleine Leiter zum Hinaufsteigen wurde angelehnt. In den Quendel wurde nun brennende Holzwolle und Kienholz hinabgelassen. Nun stand der Meiler in Brard. Er mußte zwar „atmen“ können, aber das Feuer durfte an keiner Stelle zwischen dem Rasen herausschlagen, sonst verbrannte das Holz zu Asche. Mit Erde oder „Kuhllösch“ (Kohlenasche) wurde das herausschlagende Feuer abgedichtet. Über alle diese Arbeiten hatte ich mir Notizen gemacht und war bald über alles unterrichtet. Vier Tage und Nächte mußten die Meiler ständig bewacht werden. Zum Verkohlen war eine Temperatur von 400 bis 500 Grad ausreichend. Aus kleinen hineingestoßenen Löchern entwich weißgrauer Rauch mit Wasserdämpfen. Wurde der Rauch aber lichtblau, dann war der Karbonisierungsvorgang beendet. Nun mußte der Meiler rasch mit viel Erde abgedeckt werden, damit die Glut erstickte. Da der Branntkalk im Kriege schwer erhältlich war, versuchten wir in den Meilern auch Kalksteine zu brennen, die Hitze reichte aber dafür nicht aus.

Um Sicherheit zu haben, daß die Kohlen fertig waren, wurden von dem Meiler jeweils einige Stücke zur Probe herausgenommmen. Dann gingen wir daran, mit einer Breithaue, wie man sie zum Kartoffelgraben verwendet, sämtliche Kohlen auszuräumen. Wo dieKohlen dabei etwa zu brennen anfingen, wurde mit einer Gießkanne räsch Wasser aufgegossen. Es war dies eine rußige Arbeit; im Gesicht und an den Händen sahen wir oft wie die Schlotfeger oder gar wie Neger aus.

Eine gute Holzkohle sollte so beschaffen sein: Von glänzend bläulicher bis schwarzer Farbe mit glattem Bruch und sichtbaren Jahresringen, im Klang der sich untereinander berührenden Stücke hell. Je höher die Brenntemperatur war, umso klangvoller der Ton! Der Wassergehalt sollte höchstens 6 v. H. ausmachen, der Aschegehalt nicht mehr als 2,5 v. H.. Die sog. Hirnflächen der Kohlen sollten nicht abfärben. Man konnte eine Probe mit der Zunge vornehmen: kleine Stücke der Kohle sollten auf der Schleimhaut festhaften. So prüften wir das Produkt unserer Arbeit und wir wußten, daß man aus einem Ster gutem Fichtenholz ungefähr 140 kg Holzkohlen machen konnte, aus einem Ster Birkenholz dagegen 190 kg.

Nachdem in den ersten beiden Meilern gute Holzkohlen entstanden waren, brachten auch fremde Firmen Holz, um davon Kohlen brennen zu lassen. Es wurden von jetzt an drei Meiler zugleich in Brand gesetzt. Große Rauchwolken zogen über das Dorf hinweg. Es gab viel zu tun, um das Feuer unter Kontrolle zu halten. Rund hundert Ster befanden sich in drei Meilern.

Da der Franzose bei Anbruch der Dunkelheit zu Hause im Lager sein sollte, übernahm ich die Nachtschichten. Ganz allein stand ich viele Nächte auf der Wiese und war auf mich selbst angewiesen. Entflohene russische Gefangene machten die Gegend unsicher. Eines Abends brachte mir mein Dienstherr eine Mistgabel und sagte: Die gebe ich dir, daß du dich verteidigen kannst, wenn dir während der Nacht etwas zustoßen sollte. Das Dorf lag völlig im Dunkeln, es war wie ausgestorben. Ich war darauf bedacht, daß aus keinem Meiler Feuer schlug.

In einer Nacht warfen feindliche Flieger über Selb Leuchtkugeln und eine Menge sog. Christbäume ab. Die Umgebung war taghell erleuchtet. Einmal, gegen 2 Uhr nachts, überflog ein großer Schwarm feindlicher Flieger unsere Gegend mit dem Ziel Plauen …

Erst einige Zeit nach dem Kriege gab es wieder markenfreies Benzin. Nun wurden auch die Holzgasautos wieder auf Benzin umgebaut. Meine Zeit als letzter Köhler war vorbei.

Text: Dr. F. W. Singer, „Sechsämter Land“ Beilage der Sechsämter Neuesten Nachrichten, Jahrgang 16, Nummer 7, 13. November 1965 / Fotos: Archiv

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