Es war im Jahr 1839 als Johann Christoph Lorenz Aecker eine erste Porzellanfabrik in Arzberg gründete. Damit machte er den Ort zum drittältesten regionalen Standort des Weißen Goldes nach Hohenberg (1822) und Tirschenreuth (1833). Und Aecker kannte sich aus. Sein Vater, der ebenfalls aus Seußen stammende Christian Paul Aecker, hatte als Gesellschafter mit Carolus Magnus Hutschenreuther in Hohenberg die erste Porzellanmanufaktur im nordostbayerischen Raum aus der Taufe gehoben. 1838 wollte er sich unter Protest seines Partners zuerst in Hohenberg und dann in Schirnding mit einer eigenen Manufaktur von ihm loslösen, fand aber trotz großer Bemühung nicht die notwendigen Unterstützer und Gönner für den Aufbau eines Produktionsbetriebes. Die Gründe hierin sind bei Hutschenreuthers Bekanntheitsgrad und Einfluss bei den Regierungsbehörden zu suchen aber auch beim Desinteresse der Schirndinger Gemeindeväter. Seine Bemühungen blieben aber den Arzberger Räten nicht verborgen und so versuchten sie ihn für den Nachbarort zu begeistern und zeigten sich großzügig bei der Grundstücksbeschaffung. Schließlich war es aber sein Sohn der am 03. Oktober 1839 die Konzession für den Aufbau und Fertigung seiner „Aecker Porzellan- und Steingutfabrik“ erhielt, auf den Auen am Ortsrand zwischen Röslau und Flitterbach, der mit seinem Wasser anfangs auch die notwendige Energie lieferte.
Bodenmarke Aecker
Aecker produzierte in erster Linie Luxusartikel und Puppenköpfe aus Porzellan. Nach den ersten Jahren und den folgenden Besitzerwechseln in den weiteren Jahrzehnten trat 1884 eine wirtschaftliche Beständigkeit ein. Der aus einer niederländischen Künstlerfamile stammende Carl Auvera, Enkel des Carolus Magnus Hutschenreuther, stellte bis 1918 in vier Öfen vor allem technisches Porzellan und Pfeifenköpfe her und hatte sich damit eine führende Marktposition erarbeitet. Ein Jahr später wird „die Auvera“ von der C.M. Hutschreuther AG in Hohenberg übernommen, die wiederum 1969 mit der Lorenz Hutschenreuther AG in Selb fusionierte. 1972 wurde schließlich auch die „Porzellanfabrik Arzberg“ mit der Produktionsstätte Schönwald ein Teil des Konzerns. All die erfolgreichen Jahre trugen den Namen Arzberg hinaus in die Welt und ließen den Ort nach dem Absatzanteil mit drei Produktionsstätten zur zweitgrößten Porzellanstadt Deutschland aufsteigen.
Altes Feuerwehrhaus, um 1950
Bis in die späten 80er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die Produktion in der „C.M.“ immer wieder auf der irgendwann sehr begrenzten Fläche von 1839 zwischen Weinberggasse, Karl-Auvera-Straße und Röslau zeitgemäß erweitert und modernisiert. Aber auch das Umfeld verändert sich. 1901 entstand fabriknah Carl Auveras Villa; die Weinberggasse wird bebaut; der Abriss des Amtsrichterhaus ermöglicht eine bessere Zufahrt; das Feuerwehrhaus bezieht einen neuen Standort; die Bäckerei Küspert verschwindet; …
Nach nicht ganz 155 Jahren Porzellanherstellung ist am 31.03.1994 Schluss – es ist ein Gründonnerstag. Die letzten 77 Mitarbeiter verlassen ihren Arbeitsplatz. Der Ur-Standort Arzberger Porzellans wird geschlossen. Die einst so ruhmreichen Anfänge und der erfolgreiche Werdegang finden ein Ende. Was damals noch niemand so richtig wahrhaben will: es ist auch der Anfang vom Ende der großen Zeit der Porzelliner in unserer Region. In den folgenden Jahren werden unzählige Produktionsstandorte des Weißen Goldes geschlossen, Betriebe geschrumpft, Markennamen umverteilt.
Einkaufszentrum MRueckl | Bürgerbote – Informationen aus der Kommunalen Allianz
Das zentrumsnahe Fabrikareal bekommt nach dem Abriss 1996 eine neue Ausrichtung. Neben dem Busbahnhof entsteht auf der geschichtsträchtigen Fläche ein Einkaufszentrum, gleich nebenan siedelt sich die Eisdiele an. Was anfangs wie eine glückliche Wendung erschien, war verglichen mit den 155 Jahren Porzellanherstellung von keiner langen Dauer. Über die Jahre blieben immer mehr frei gewordenen Gewerbeflächen leer, bis schließlich auch der letzte Mieter den Standort verlässt und sich die Zeichen des Verfalls zeigen.
Das MiA
Eine weitere Wendung brachte der Verkauf des Areals im Jahr 2020. Wieder rollten die Bagger an um „Mitten im Herzen Arzbergs“ etwas Neues zu schaffen, das an der Beständigkeit und dem Erfolg anknüpft und diesen fortführt. Vor fast einem Jahr sind nun dort im MiA attraktive Betriebe eingezogen, um diesem ansprechenden Platz eine neue Seele zu geben: Arztpraxis, Café, Versicherungsagentur, 24/7-Blumenladen, Physiotherapiepraxis und Reisebüro. Gemeinsam haben die Unternehmen diese Anschrift: Karl-Auvera-Straße 1. So lebt darin ein Stück der ruhmvollen Vergangenheit weiter.
Und vielleicht findet sich in Zukunft sogar noch eine passende Möglichkeit, dem dank Johann Christoph Lorenz Aecker ehemals drittältesten regionalen Standort Weißen Goldes, der 1839 aus den grünen Auen des Röslautals hervorging, eine sichtbar bleibende Erinnerung zurückzugeben und auch ein letztes Stück dieser Seele zu erhalten – mitten in Arzberg.
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