Der große Brand in Thiersheim bildet noch immer das Tagesgespräch. Nüchtern, gleich drohenden Riesenfingern mahnen die freistehenden, hochragenden Kamine: Und das Unglück schreitet schnell!
Wie man in den letzten Tagen des öfteren hören konnte, sei der geschädigte Ort schon Jahrhunderte lang von größeren Feuersbrünsten verschont geblieben. Diese Annahme ist irrig, was die hiesige Ortsgeschichte – die im Volk lebende und die geschriebene – zu beweisen vermag. Die nachfolgenden Ausführungen werden in die Vergangenheit Thiersheims zurückgreifen und alle die schrecklichen Zeiten in Kürze neu erstehen lassen, welche dem Orte Schaden und Not gebracht.
Die erste Zerstörung und Niederbrennung Thiersheims mag im Jahre 1430 durch die Hussiten vollzogen worden sein. Die Chronik des Ortes weiß, von dieser gänzlichen Zerstörung zu berichten. Wahrscheinlich wurde Thiersheim beim zweiten Hussitenenfall 1462 wiederum verwüstet. Nun kamen ruhige Zeiten, in denen sich der Ort dank seiner überaus günstigen Verkehrslage an der bedeutsamen Straße Nürnberg-Prag zu einem ansehnlichen Marktflecken entwickelte. So war es nun für die Zerstörungswütigen Völker des längsten aller Kriege ein wahres Vergnügen, die sauberen stattlichen Gehöfte niederzubrennen. Doch waren es nicht die vielverlästerten Schweden, sondern 3000 Kroaten und Polen unter der Führung des kaiserl. Oberstleutnant Buttler, die Thiersheim völlig ausplünderten und hierauf anzündeten. Der ganze Markt sank damals in Schutt und Asche. Dies war nach dem 12. Juni des Jahres 1632. Das Pfarrhaus samt allen Matrikeln und Akten, das Rathaus, das Schulhaus, alles verbrannte. Selbst die Kirche geriet in Brand; nur das massive Gewölbe und die festen Mauern hielten Stand. Auch die Türme blieben stehen. Das Kircheninnere jedoch brannte vollständig aus.
Als man im Jahre 1925 die Ortskirche renovierte, stieß man bei Abklopfen der Säulen auf die Jahrhunderte alten Brandmale. – Ein auf der Hinterseite des jetzigen Altars angebrachtes Chronostichon deutet auf diese Greuel hin. Es lautet auf deutsch: „Ach, der alte Altar wurde durch den Zorn des Mars zerstört! Daß er wieder erstand, ermöglichte der wieder erstandene Friede.“ Daraus ist also zu entnehmen, daß der alte Altar 1632 ebenfalls mit verbrannte, während erst nach Friedensschluß, 1649, ein neuer beschafft werden konnte.
Man machte sich sofort nach dem großen Brande an den Wiederaufbau der Häuser, aber schon im folgenden Jahre 1633, am 10. Mai, fraß ein neuer furchtbarer Brand alles mühsam erbaute wieder auf. Achtzehn neuerbaute Wohnstätten fielen den Flammen zum Opfer. Die Akten sagen aber über die Entstehungsursache des Feuers nichts.
Am 2. März 1672 brach neuerdings in einem Mulzhaus Feuer aus, das ebenfalls furchtbar wütete und wobei 24 Häuser und über zwanzig Scheunen in Schutt und Asche verwandelt wurden.
Nach sieben Jahren, am 2. Oktober 1679, brannten zwei Wohnhäuser nieder.
Fast hundert Jahre konnten vergehen, ohne daß Thiersheims Bewohner durch einen Feuerruf aus ihrer Bürgerruhe geschreckt worden wären. Doch am 11. Mai 1760, früh 2 Uhr, war aus unbekannter Ursache Feuer ausgebrochen, dem zwei „weitläufige“ Häuser (Brgmstr. Joh. Mötsch und Ratsfreund und Handelsmann Joh. Böhm) nebst zwei Mulzhäusern zum Opfer fielen. Die Feuerwehren von Thierstein und Arzberg waren am Brandplatze erschienen und hatten das Feuer eingedämmt.
Ein weiterer großer Brand, der den gegenwärtigen an Ausdehnung noch übertraf, brachte am 19. Juli 1804 den Markt in größte Erregung. Zwanzig Wohnhäuser im oberen Markt, hinter der Kirche, vernichtete das Großfeuer. Es mochten kaum sechs Jahre vergangen sein, als 1810 wieder 4 Wohngebäude und einige Scheunen ein Raub der Flammen wurden.
Von weiteren Bränden nach 1810 weiß die Ortsgeschichte nichts zu berichten. Daher mag auch die übliche Volksmeinung kommen, Thiersheim sei im Laufe der Jahrhunderte nicht von Bränden mit den Ausmaßen des letzten heimgesucht worden. Nicht weniger als vier mal übertrafen frühere Brände sogar den diesjährigen an Umfang.

Der vorletzte große Brand, der den meisten Bewohnern des Ortes noch recht deutlich in Erinnerung sein wird, war im Jahre 1925, am 25. Mai früh gegen 4 ½ Uhr, wo bei dichtem Nebel in der Scheune des Schreiners Reihl das Feuer entstand. Anwesend waren neben der Thiersheimer Ortsfeuerwehr die Wunsiedeler Motorspritze, die denn auch das Feuer auf vier Wohnhäuser beschränken konnte. Die ganze Straßenzeile, vom Amtsgericht bis zum Schulhause hatte man ausgeräumt.
Wenn auch Thiersheim heute noch verschiedene Jahrhunderte alte Gebäulichkeiten und geschichtlich bedeutungsvolle Stätten aufzuweisen hat, so hat es jedoch durch den letzten großen Brand ein Gutteil seiner Ursprünglichkeit verloren und es mußte ein hervorragend Stück Ortsgeschichte und Originalität mit in den Brandschutt sinken. Doch mag diese Tatsache vielleicht das erreichen, daß sich mancher Dorfbewohner in der heutigen übermodernen Zeit bewußt wird, welches Kleinod er in seiner Ahnen Haus besitzt.
Text: Wochenbeilage zum „Boten aus den Sechsämtern“, Nummer 29, 19. Juli 1930









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