Die verborgenen Anfänge der Besiedelung (II)

Ursprung und Zweck von Turmhügelburgen in der Kulturlandschaft des Grenzlandes

Fortsetzung aus Ausgabe 216:

… Mit dieser ganzen historischen Entwicklung hängt die Entstehung unserer Turmhügel zusammen. In der Zeit des 10. und 11. Jahrhunderts hatte sich ein neuer Stand herausgebildet: der des Ritters. Der alte Heerbann war für die meisten freien Leute allmählich eine Last geworden. Sie suchten nach Mitteln, um sich dieser Auflage auf gute Art und Weise zu entziehen. So ging man dazu über, sich eine Art „Einsteher“, d.h. einen Ersatzmann zu suchen, der für die andern in den Krieg zog. Allerdings mußte man diesen Ersatzmann vollkommen ausrüsten und besolden. Blieb er im Kriege, so war man der Last ledig; kam er zurück, mußte die Bauernschaft den Mann erhalten, bis er wieder benötigt wurde. Da nun jedes Dorf die Verpflichtung hatte, in Kriegszeiten einen Reiswagen oder ein Pferd mit Reiter oder einen anderen Gewappneten zu stellen, einigte man sich dahin, daß einer von allen gemeinsam ausgerüstet wurde. Das konnte durchaus etwa der drittgeborene Sohn eines freien Bauern sein. Dieser Mann, der weder ein großes Erbe hatte, noch mit sonstigen Gütern gesegnet war, besaß auch keinen eigenen Hof. Er lag also den übrigen Bauern auf der Tasche, wenn er in Friedenszeiten daheim war.

Dieser Reiter oder Ritter aber hatte auch eine eigene Anschauung als Standesperson. Was lag da näher, als daß er nicht mehr im Bauernhaus wohnen wollte? Er brauchte die mannigfachen Nebengebäude eines Hofes nicht, denn er hatte ja keinen eigenen Grund und Boden zu bebauen. Der freie Bauernsohn verdiente sich Ruhm und Ehre im Kampf. Durch den Ritterschlag wurde er ein Reiter oder ein Ritter im Heerbann. Diese Eigenschaft aber hob ihn aus der Masse seiner Dorfgenossen heraus. Er baute sich auch kein Haus mehr im Dorf, sondern so etwas ähnliches wie eine Burg, eben einen festen Turm aus Holz oder Stein. Dieser konnte nur klein sein, weil die finanziellen Mittel ja auch nicht groß waren. Er durfte sich ja auch keine Burg bauen, da dies ein Regal des Landesherrn oder des Kaisers war. Was blieb also übrig, als sich ein festes Haus, eben einen Turm, auf kleinstem Raum mit möglichst viel Wohnraum zu schaffen. Man ließ einen Graben ziehen, der Aushub des ‚Erdreichs kam in die Mitte; dadurch entstand ein Hügel, auf den man den Turm stellte. Der Graben wurde mit Wasser gefüllt durch einen Bach oder Fluß, meist am Rand des Dorfes, seltener draußen im freien Gelände. Die ganze Anlage wurde durch einen Zaun, der mit der Zeit zur Palisade wurde, abgeriegelt. In vorkommenden Notzeiten diente dann dieser kleine Turm auch den Nachbarn im Dorf als Unterschlupf. Durch diesen Turmbau aber stellte sich der Ritter auch auf eine neue soziale Stufe, die er im Laufe von etwa hundert Jahren an die des alten Adels oder des Dienstmannenadels der Ministerialen weitgehend anglich.

Die Turmhügel liegen also draußen auf den Dörfern im alt- wie neubesiedelten Land und da fast in jedem zweiten Dorf ein solcher Ritter saß, so finden wir auch deren Turmhügel noch so häufig. Wenn wir das Glück haben, einen festen Turm zu finden, dann kann man immer wieder die Großräumigkeit der einzelnen Wohngeschosse beobachten. Da waren Ställe, Speicher, Wohnraum und Nebenräume leicht unterzubringen. Diese bequeme Wohnweise wurde auch von vielen Burgen übernommen, denn in Kriegszeiten war dieser Turm, der jetzt mit Bergfried bezeichnet wurde, die sicherste Verteidigungsanlage, in der man es, solange man Wasser hatte, aushalten konnte, und zwar mit Kind und Kegel.

Fassen wir zusammen: Die Turmhügel wurden nicht durch fränkische Ansiedler im 11. Jahrhundert erbaut. Man könnte höchstens von Landnahme oder Neurodungen sprechen und Leute, die in einem gesicherten Reich wohnten, brauchten keine Verteidigungsanlage, um sich vor den Nachbarn zu schützen. Außerdem wäre für das ganze Dorf der Turm viel zu klein gewesen. Ein Bauer braucht eben nun einmal mehr Raum für sich und seine Familie. Doch der Reiter, der zum Ritter wurde, stellte andere Ansprüche an das Leben als sein Bruder, der Bauer.

Dieser Reiter, der durch den Ritterschlag aus der Masse der Dörfler herausgehoben wurde, zog verhältnismäßig früh in die Stadt, denn dort brauchte er auch keine Bauernarbeit zu verrichten, während er seine Zinsen nach wie vor von seinen Dorfgenossen bezog. Hier schaute ihn auch niemand scheel über die Achsel an, was auf dem Dorf häufig der Fall war.

Da diese Turmhügel sowieso keine richtige Befestigungsweise aufzeigten, sind sie bald wieder verfallen, d.h. man ließ sie verfallen. So erklärt sich auch die Kurzlebigkeit und die Fundarmut bei solchen Hügeln.

Lange hat sich die Bauweise des Turmhügels gehalten und vielfach sind die Erkennungsmerkmale für seine Entstehungszeit recht verwischt. Eine Faustregel können wir uns merken: Liegt der Turmhügel in einem Trockengraben und ist rund, mag er in den Ausgang des 11. Jahrhunderts gesetzt werden; ist er am Rande des Dorfes und eventuell mit einem Wassergraben umgeben, ist er in das beginnende 11. Jahrhundert einzureihen; ist der Turmhügel aber viereckig und in einem tiefen Wassergraben, dann gehört er in das 13. Jahrhundert und ist dieser Graben gar noch mit Steinen ausgefüttert, dann haben wir ein Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert vor uns. Spätere Bauten können zwar noch diesem Bautyp ähneln, haben aber mit dieser Art von Verteidigungsanlagen nichts mehr zu tun.

Text: Leonhard Wittmann, Nürnberg – Auszug / Foto: Archiv

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