Die verborgenen Anfänge der Besiedelung (I)

Ursprung und Zweck von Turmhügelburgen in der Kulturlandschaft des Grenzlandes

Rest des Turmhügels der Wüstung Forchheim im Kohlwald mit Wallgraben
Rest des Turmhügels der Wüstung Forchheim im Kohlwald mit Wallgraben

In den Ausgaben Juni und Juli 2023 berichteten wir in zwei Ausgaben über Altstraßen im ostlichen Fichtelgebirge um die erste Jahrtausendwende (nachzulesen unter www.buergerbote.de). Im gleichen Zeitraum entstanden auch viele der heute noch existierenden Siedlungen. Dabei gilt, dass sich sowohl Siedlungen mit Turmhügelburg an Altstraßen gebildet haben, aber auch, dass wichtige Handelsstraßen gezielt an solchen Siedlungen vorbeigeführt wurden, wie auch bei der Wüstung Forchheim, einem Eisenerz-Bergbau-Dörfchen im Kohlwald, die an einer wichtigen Altstraße nach Eger lag. Wie man sich das Prinzip unserer Turmhügelburgen dieser Zeit vorstellen kann, schildert der Auszug aus einem Aufsatz von Leonhard Wittmann aus Nürnberg:

Die Erforschung der Turmhügel, jener meist verborgen im heutigen Kulturgelände noch vorhandenen Reste kleiner mittelalterlicher Befestigungen, ist seit Jahrzehnten im Gange und die damit zusammenhängenden Fragen sind nach landläufiger Meinung geklärt. Der derzeitige Stand der Forschung besagt, daß die Turmhügel dem 11. Jahrhundert angehören und daß sie die Vorläufer der Burgen gewesen seien. Sie wären von den anrückenden Neusiedlern gebaut worden, um möglichst rasch einen festen Platz zur Verteidigung zu haben. Auch sollen sie in einem bestimmten zusammenhängenden System angelegt gewesen sein, das es den Neusiedlern erleichterte, im Verteidigungsfall Kontakt untereinander zu halten.

Das Land wurde an den strategisch wichtigen Stellen mit Befestigungen geschützt, die meist an den Rändern des beanspruchten Reichs angelegt waren, wo ein völkerschaftlich anders organisierter Nachbar angrenzte. Im Innern des Landes waren solche Befestigungen nicht notwendig. Hier herrschte der Verwaltungshof, der Königshof, vor. Er war — mit Ausnahmen — meist nicht befestigt. Die Sicherheit im Landesinnern war durch die Verwaltungsorganisation gewährleistet. Man brauchte also die alten Volksburgen nicht mehr, im Gegenteil, sie wären eher vielleicht ein Unsicherheitsfaktor gewesen. Die königlichen Pfalzen, die Klöster und Kirchen mögen allein schon durch ihre Steinbauweise zur Verteidigung günstig gewesen sein. Erst die Zeit Heinrichs I. (also das 10. Jahrhundert) schaffte dann befestigte Plätze, unter denen sich sicherlich burgähnliche Anlagen befunden haben. Veranlaßt war man zu derartigen Befestigungen durch die Einfälle östlicher Völker. Man zog auch wieder gerne hinauf auf die Höhe wie einst die Alten. Nur waren diese Anlagen meist kleiner, weil sie nur als Unterschlupf für kurze Zeit dienen sollten. Deshalb legte man sie auch sonst ziemlich einfach an. Man bevorzugte Stellen im Gelände, die sich durch einen Graben leicht abriegeln ließen. Nicht selten wurden diese Anlagen nur unvollständig ausgeführt, da die Zeit für ihre Herstellung zu kurz war und noch heute erkennt man an ihren Resten das Provisorische. Meist liegen sie auf halber Höhe der Berge, und in einem Gebiet, wo Wasser aus dem Boden dringen kann.

Gut bewährt hatten sich indessen die Burganlagen in der Ebene, die Städte. Der Städtebau machte den Burgenbau zunächst wieder illusorisch. Jedoch scheint schon in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts der Burgenbau bei uns mächtig zugenommen zu haben, denn wir wissen, daß die Herren des Uradels oder des Hochadels bereits in Burgen wohnten, und zwar weniger innerhalb von Städten als viel lieber in festen Sitzen, die sie in ihrem Gebiet auf dem Land bauten. Erst im 12. Jahrhundert begann dann der Bau von Dynastenburgen. Wiederum aber errichtete man keine Landesfestungen, sondern feste Häuser für den Privatgebrauch. Entstanden etwa um diese Zeit auch die vielbesagten Turmhügel? Man muß sich folgende Lage vor Augen halten: Es gab im ganzen noch wenig Burgen und eine Burg durfte nur mit Einwilligung des Kaisers gebaut werden. Außerdem: gegen wen sollte sich der Grundherr des 12. Jahrhunderts eigentlich zur Wehr setzen müssen? Der Gedanke, aufsässig und renitent gegen bestehende Verhältnisse zu werden, kam ja erst als eine Folgeerscheinung des Burgenbaus. Erst der Besitz von festen Plätzen machte die Gefolgsleute übermütig und ränkesüchtig. Mit den Hohenstaufen begann dann nicht nur die Festigung des wirklichen Staates, sondern auch die Herauskristallisierung von kleineren Staatsgebilden, die dann zwangsläufig eine genauere Abgrenzung und damit die Auflehnung gegen den Kaiser und mit der Zeit auch ein Abbröckeln vom Reich einleiteten. In der Mitte des 13. Jahrhunderts, zur Zeit des Interregnums, wurde dann schließlich die Bildung von wirklichen Flächenstaaten erzwungen.

Mit dieser ganzen historischen Entwicklung hängt die Entstehung unserer Turmhügel zusammen. In der Zeit des 10. und 11. Jahrhunderts hatte sich ein neuer Stand herausgebildet: der des Ritters.   …

Lesen Sie mehr darüber in der nächsten Ausgabe.

Text: Leonhard Wittmann, Nürnberg – Auszug / Foto: Michael Rückl, Arzberg

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